Ich will, weil ich nicht will.

von | Dez 31, 2020 | SELBST | 0 Kommentare

Heute schien hier nach vielen Tagen voller Wolken und Regen erstmals wieder die Sonne. Die Luft war ganz klar, alles leuchtete aus sich selbst heraus und schien „gehobener Stimmung“ zu sein. Was nichts anderes als ein spürbarer Anstieg der inneren Energie bedeutet. Der vitalen Lebensenergie, die sich regt wenn sie sich im Außen gespiegelt sieht. Durch die Sonne, die sie anregt zu erwachen.

Die Sinne sind schärfer, die Wahrnehmung freier, die Lust zu entdecken nimmt wieder zu. Als Wille, der sich unmittelbar spürt und von hier aus entfaltet. Von innen heraus. Das ist der natürliche Entfaltungsort jedes Wollens. Das noch nicht mal diesen Namen braucht. Wollen als eine Bewegung, die aus sich selbst, über sich selbst hinausstrebt und dennoch dabei immer ganz nah an sich dran ist.

Wie das unsichtbare Wachsen der Blume, oder eines Kindes, das so nah ist, dass es sich in seinem natürlichen Tempo entfaltet. Ohne sich zu übergehen, ohne auch nur einen Schritt auszulassen. Wie die Knospen an den Zweigen, die einen langen, steten und verborgenen Weg zurücklegen, bis sie im Frühling als die Farbenexplosion bersten, die wir im Vorbeigehen bewundern.

Ausgerichtet auf eine imaginäre Zukunft

Doch das, was wir gewöhnlich unter einem Willen verstehen, ist das Ausgerichtetsein auf ein Ziel, das in einer imaginierten Zukunft liegt, die mit dem, wo wir gerade sind, nichts zu tun hat.
Das ist der Wille, zu dem wir uns zwingen müssen, auf den wir uns fokussieren müssen, dem wir alles unterordnen müssen, wenn wir das Ziel erreichen wollen. Das ist ungemein kräftezehrend und läuft unserer Natur zuwider.

Doch diese Art Wille ist systemimmanent. Er erhält es aufrecht. Er ist das Hamsterrad, in dem wir uns als Bürger, Konsumenten, Arbeitnehmer, Arbeitgeber, als Teile der Gesellschaft, befinden. Er ist es, der uns krank macht und leer. Der Wille als Suche und Hoffnung auf ein besseres Leben mit mehr Dingen, Fähigkeiten und Möglichkeiten uns wertvoller zu fühlen als jetzt.

Die Natur selbst ist die beste Lehrerin, wenn es darum geht etwas über Kraft und Vitalität zu erfahren. Sie ist sich selbst nie voraus. Sie nimmt nie etwas vorweg. Sie träumt nicht von sich in einer anderen Version. Sie ist der Ausdruck von Bewusstsein, in dessen innere Ordnung niemand eingreift. Niemand, der sich aus der Gleichung herausnimmt und einen besseren Vorschlag hat.

Denn den kann es nicht geben.

Dich als Gesamtgefüge erkennen

Jede Idee, die von einem (mental) extrahierten Teil des Ganzen stammt, kann nur schlechter sein als das, was aus sich selbst heraus geschieht, weil der Teil, der sich herausnimmt, nicht in der Lage ist alle Parameter zu berücksichtigen. Das geht nur, wenn man als Teil des Gesamtgefüges in sich so eins ist, dass man sich selbst als Gesamtgefüge erkennt. Und wenn das so ist, mischt man sich in nichts mehr ein, was von selbst geschieht.

Es ist gut, dass „ich“ als das Glaubenssystem, das ich bin, das jeden Außenreiz mit einer Vorerfahrung abgleichen muss, um eine angemessene Handlung zu kreieren, mich nicht in meine Organtätigkeit einmischen kann. Sonst würde ich sicher nicht mehr leben.

Ich kann erkennen, dass die Intelligenz des Lebens nicht nur auf unbewussten Ebenen wirkt, wie der des Stoffwechsels, sondern auf allen Ebenen. Und mich als die Instanz wahrnehmen, die sich permanent in das innere Geschehen  – in meine Gedanken und Gefühle – einmischen will. Weil sie selektiert und diese Selektion für die Wahrheit über mich und meine Realität hält.

Ich will, weil ich nicht will

Das gewöhnliche Ich unterscheidet zwischen: Das will ich! Und – Das will ich nicht! Und darauf baut es seine Erfahrungen auf. Was fehlt ist die Möglichkeit zu erkennen, dass alle Wellen im Meer stattfinden. Im Meer, das keine Welle aussortieren will, oder unberücksichtigt lässt. Jede Welle, ob groß der klein, schwach oder mächtig, darf sich zeigen und ausdrücken. Das Meer ist nichts als es selbst und hat vor seinen Wellen keine Angst.
Denn es trennt sich nicht von ihnen.

Aber ich kann mich von mir selbst trennen, indem ich manche Gefühle freudig begrüße und mich von anderen abwende, um sie nicht voll bewusst erleben zu müssen. Indem ich etwas nicht will, kreiere ich das, was ich will. Und dieser Wille ist dazu verdammt künstlich zu bleiben. Unbelebt, unecht, ein schöner Schein, eine Hoffnung, die sich niemals erfüllt, weil jede Erfüllung eine neue Sehnsucht kreiert.

Damit meine ich keine bereits eingetretene prekäre Situation, wie eine Krankheit oder Jobverlust oder Obdachlosigkeit, oder was einem sonst noch für praktisches Unglück widerfahren kann.

Sei Dir alles

Alles, worauf ich mich beziehe sind innere Themen. Sobald ich mich von unbeliebten Gefühlen abwende, ablenke, um sie nicht fühlen zu müssen – sobald ich mir selbst der Widerstand bin, den ich überwinden will – erschaffe ich ein Verlangen, das dem Widerstand entspringt, aber nicht mir als der Gesamtheit meines Erfahrungsspektrums. Es entspringt und entspricht nicht mir als dem Meer, das sich selbst durch all seine Wellen und
Bewegungen fühlt.

Denn dieses Meer will nichts als sich selbst. Es lauscht und ist still, damit es alles mitbekommt, was geschieht, damit es vollständig in allem ist, was sich zeigt. Nur auf diese Weise ist es ungestört so zu sein, wie es ist. In vollkommener Ordnung, ohne einen Ordnenden, ohne einen, der glaubt zu wissen, was Ordnung ist.

Es ist ein lebendiges, ein „so“ seiendes Meer, das sich aus sich selbst heraus entwickelt und alle Geschöpfe erschafft, die in ihm wohnen, alle Bewegungen und Abläufe. Und dafür gibt es keinen Bauplan, keine Vorgabe, keine Vorerfahrung. Es gibt nur ein sich selbst Folgen, in dem es sich erlebt. Und in diesem Erleben ganz anwesend ist.

Freie Wahrnehmung Deines Spektrums

Dein wahrer Wille zeigt sich Dir dann, wenn Du Dich so frei es Dir möglich ist, wahrnimmst. Deine Gedanken, Dein Fühlen, Deine Abwehr, Deine Manipulationen, Deine Angst, Dein Labyrinth aus Abwegen, Umwegen und Auswegen, die Du suchst, um Dir zu entkommen, als das Gesamtspektrum Deines Seins. Das nunmal nicht unter einen Hut zu bekommen ist. Weil es so unerschöpflich viel ist, dass es nur erlebt werden kann.

Sei Dir das tiefe Meer, das undurchdringliche, geheimnisvolle, stürmische Meer. Sei Dir die stille See, die sich selbst in ihrer Hingabe erlebt, sei Dir der alles überwältigende Tsunami, der die Starre Deines Glaubens zerstört, um wieder neu zusammenzufügen, was überholt ist.

Lass Dich sein. Lass Dich sein. Lass Dich. Sein. Nichts anderes bringt Dich in Deine Ordnung.

In Verbundenheit, Nicole

 

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