Ich kann, was ich glaube zu können

von | Dez 21, 2020 | ICH | 6 Kommentare

Ein Gastbeitrag von Anita Hess

Hier bin ich. In der Arktis, 250 km nördlich vom Polarkreis, in Schwedisch Lappland. Es war nicht geplant, dass ich einen langen, dunklen, kalten Winter hierbleibe, aber nun ist es so und es wird auch einen Grund haben, dass es so gekommen ist. Ich habe die Herausforderung angenommen und muss nun umgehen mit Kälte, Dunkelheit, Einsamkeit, Mentalitäten und allem, was das an Gefühlen und Gedanken mit sich bringt.

Ich arbeite in einem Hostel, das auch Schlittentouren mit Huskys anbietet. Wenn ich morgens aufstehe, schaue ich als Erstes auf das Thermometer. Seit Wochen haben wir nur noch Minusgrade, bisher bis -15 °C tagsüber, aber ich weiß, dass es noch sehr viel kälter werden kann. Ich spüre wie der Widerstand in mir hochkriecht, der Unwille bei der Kälte rauszugehen.

Ich weiß, dass ich mich nun mehrere Stunden draußen mit festgefrorenen Exkrementen von 60 Hunden, 30 kg schweren Futterkübeln, manchmal spiegelglattem Eisboden und Stürmen abplagen muss. Dass mein Rücken und meine Muskeln abends schmerzen und mich die Schmerzen manchmal tagelang nicht verlassen. Jeden Morgen plagt mich der Gedanke, dass ich nicht will, dass ich nicht kann, und ich will einfach nur noch ins Bett zurückkriechen, am besten den ganzen Winter über. Aber das ist keine Option.

Die Polarnacht verdunkelt fast den ganzen Tag

Ich muss los, also suche ich meine warmen Kleider zusammen. Mein Zweifler rät mir, besser noch mehr anzuziehen, wo es doch so kalt ist. Ohne Stirnlampe geht es nicht mehr, denn die Polarnacht verdunkelt fast den ganzen Tag und die Sonne lässt sich erst nach über zwei Monaten wieder sehen.

Dann trete ich vor die Tür in den klirrenden Morgen. Die Kälte beißt mir in die Haut und meine Augen beginnen zu tränen. Ich atme die kalte Luft ein und bin plötzlich hellwach und klar. Ich bin hier, ich fühle meinen Körper, die Kälte, den Widerstand. Dann gehe ich einfach los, auch wenn mein Verstand mir Horrorgeschichten erzählt, wie schlimm es ist.

Aber es fühlt sich gar nicht so kalt an wie er mir einzureden versucht. Weniger Kleider hätten auch gereicht, meistens schwitze ich eh bei der schweren körperlichen Arbeit. Die Dunkelheit wird erhellt vom Schnee, und so langsam steigt in mir die Freude auf, Zeit mit den Hunden zu verbringen.

Der Glaube an die Gedanken macht es schwer

Ich lächle vor mich hin, als mir klar wird, wie mein Verstand mich wieder einmal beschwatzt hat und ich ihm wieder geglaubt habe. Der Glaube an das, was meine Gedanken mir erzählen, machen es mir immer wieder schwer und lassen mich in Widerstand gehen zu dem was wirklich ist. Das macht mich schwach und raubt mir Energie. Eine Zahl auf einem Thermometer ist einfach eine Zahl auf einem Thermometer, nicht mehr und nicht weniger. Entscheidend ist, welche Geschichte mein Verstand daraus macht und ob ich dieser Geschichte glaube.

Eine meiner größten Herausforderungen hier in der Arktis ist es, jeden Moment im Hier und Jetzt zu sein. Zu spüren, was genau jetzt ist und dann darauf zu reagieren, ohne alles im Voraus schon zerdacht und festgelegt zu haben. So oft habe ich festgestellt, dass wenn ich mir selbst einrede, dass ich etwas nicht kann, dann wird es auch schwer. Wenn ich glaube, dass ich die schweren Eimer nicht tragen kann, oder dass ich die 10 kg gefrorenes Fleisch nicht kleinhacken kann, dann quäle ich mich auch damit ab.

Meine Kraft ist immer da und wenn ich aufhöre, mir etwas einzureden, mich kleinzureden, dann gehe ich einfach los und mache meine Arbeit. Natürlich sind die Eimer schwer und das Fleisch hartgefroren und es erfordert viel Kraft, aber ich kann das. Und mit jedem Mal, wo ich dem Geplapper im Kopf nicht mehr zuhöre, wird es einfacher und ich werde stärker und widerstandsfähiger. Und mein Glaube daran wächst, dass ich alles schaffen kann, wenn ich nur an mich glaube, und nicht an das Geplapper.

Der Angst keine Macht geben

Ich habe auch gelernt, gut auf mich zu achten. Es ist gut, Angst und blockierenden Gedanken keine Macht zu geben, aber ich weiß auch, dass es ein schmaler Grat ist, denn manchmal ignoriere ich Warnzeichen meines Körpers und höre vor lauter „Ich schaffe das“ nicht gut genug hin, um Zweifel von Warnung unterscheiden zu können.

So übe ich mich darin, ganz im Hier zu sein. Man glaubt gar nicht, wie meditativ es sein kann, eine Stunde lang gefrorene Hundekacke vom Boden zu klopfen. Und wenn ich ganz bei mir bin und nicht mehr mit meinen Gedanken und Zweifeln beschäftigt bin, dann sehe ich nicht nur in mir klarer, sondern auch im Außen. Dann sehe ich das ganze Wunder der oft gigantischen Farben der Dämmerung, wo Sonnenaufgang und Sonnenuntergang ineinander übergehen, und nehme die Einzigartigkeit der Natur an diesem Ort in mir auf.

Dann höre ich nicht mehr nur das Gebell der Hunde, sondern kann ihre unbändige Freude in jeder meiner Zellen spüren und bin zutiefst berührt von der bedingungslosen Liebe, mit der sie mich überschütten. Dann ist alles gut, trotz klirrender Kälte und schwerer Eimer. Wenn ich einfach nur hier bin, im Hier an diesem magischen Ort.

Alles Liebe
Anita

Dezember 2020, Abisko/Schweden

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6 Kommentare

  1. Bianca

    Deine reale Geschichte hat mich sehr berührt, liebe Anita. Die läßt sich so gut auf alle anderen Ereignisse im Leben übertragen und macht dann wieder Mut zur Größe.

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    • Anita

      Liebe Bianca, das freut mich. Für mich ist das auch gerade eine sehr lehrreiche Zeit und ich kann dadurch meine Kraft stärken und weiter zu mir kommen.

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  2. Sabine Matuschka

    Liebe Anita , vielen Dank dass du deine Gedanken und Schwächen und Kräfte mit uns teilst. Das klingt bei dir nach einer extremen Situation und trotzdem kann ich alles so gut nachvollziehen. Anscheinend erlebt jeder seine kleinen oder großen Herausforderungen immer als etwas Großes weil es eben das ist was ich am eigenen Leib spüre und in mir erfahre.
    Also danke noch mal auch für den letzten Anstoß, sich nicht immer sagen zu müssen; ich schaffe das, sondern auf sich zu achten und auch das Ruhen zuzulassen.
    Herzlichst
    Sabine M

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    • Anita

      Liebe Sabine,
      das mache ich sehr gerne und ich freue mich sehr darüber, dass ich Menschen damit inspirieren kann. Ich gehöre ja eher zu der Sorte Mensch „das zieh ich jetzt durch, egal wie“. Aber hier geht es einfach nicht anders, ich muss auf mich achten, sonst wird es ziemlich unbequem. Durch die ganz realen Extreme in der Arktis lerne ich, wieder zu mir zu kommen, zu dem was ich wirklich bin, was ich brauche und wo meine Grenzen sind. Ich muss einfach im Hier und Jetzt sein und mir sehr bewusst sein, was jetzt gerade zu tun oder zu lassen ist. Da ist nicht viel Raum für überdrehte, realitätsfremde Gedanken, weil ich durch die raue Aussenwelt sofort zurückgeholt werde. Für mich eine extrem lehrreiche Zeit.
      Alles Liebe, Anita

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  3. Valentina

    berührend echt – ehrlich – bereichernd
    Danke für das Teilen deiner Situations- und Selbstreflexion, liebe Anita.

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    • Anita

      Sehr, sehr gerne! Alles Liebe, Anita

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