Ich bin jemand und ich will

von | Aug 14, 2020 | ICH | 0 Kommentare

In der ICH – Phase glauben wir Jemand zu sein. Wir fühlen uns abgegrenzt von der Welt, die uns erscheint, von den Menschen und Dingen, die wir wahrnehmen. Dieses Ich sagt Dinge wie: Ich bin traurig, einsam, ängstlich, unsicher, wütend. Ich bin reich oder arm, ich bin schön oder hässlich, ich bin klug oder dumm … Dieses Ich klammert sich an Menschen, die es anerkennen und ihm gute Gefühle verschaffen.

Dieses Ich sehnt sich nach Zuneigung und Zuwendung und träumt von der verschmelzenden Liebe und davon niemals verlassen zu werden. Es glaubt andere glücklich machen zu müssen, bevor es selbst glücklich sein kann. Es glaubt, indem es zu einer, von vielen Menschen anerkannten Person wird, steigert sich sein Selbstwert. Es glaubt sich kasteien und pushen zu müssen, um jemand wichtiges zu sein, der oder die gesehen wird. Es glaubt an Macht und Ohnmacht, an Gewinn und Verlust und  an den eigenen Vorteil.

Das Ich, das wir alle kennen, ist wie ein zitterndes Vogeljunges, das stirbt, wenn es niemanden hat, der sich um es kümmert. Deshalb versucht es entweder stark zu sein, um jemanden zu finden, der es liebenswert findet, oder es kümmert sich, um jemanden zu finden, der bei ihm bleibt. Dieses Ich tut alles, um den anderen zu gefallen. Weil es sich selbst nicht sehen kann, dafür aber die anderen. Das ist es, was ihm das Gefühl gibt, jemand zu sein, der Dinge tun muss, um gesehen zu werden. Dieses Ich erlebt Schmerz, Konflikt, Leere, Angst und Ohnmacht, weil tatsächlich niemand da ist, der es sieht.

Wir wachsen in einem Weltverständnis auf, das uns zu Objekten macht. Zu Objekten der Begierde für andere. Und andere werden zu Objekten der Begierde für uns. Wir wollen geliebt werden und wir lieben das, was wir haben wollen, weil es uns ein gutes Gefühl verschafft. Die Betonung liegt auf haben und wollen.

Es ist ein spannendes Prinzip des Lebens, dass es um das Sehen selbst geht. Leben ist „Sehen“. Auf der tiefeste Ebene ist das Leben nichts als Wahrnehmung.

Gesehen zu werden ist das höchste Gut. Wir wollen zuerst von den Eltern gesehen werden, damit wir überleben können. Doch wir werden nur insoweit gesehen, damit wir überleben können. Wir werden nicht als die gesehen, die wir sind. Wir werden als die gesehen, die wir in den Augen der Eltern, der Erzieher, der Lehrer, der Freunde, der Geliebten, der Chefs … sein sollen, damit sie ein gutes Gefühl haben.

Und deshalb verhalten wir uns auch so. Damit wir ein gutes Gefühl bekommen, weil wir uns dann gesehen fühlen. Ohne das falsche Spiegelkabinett zu bemerken. Alles, was wir bemerken, ist der Schmerz, den wir erfahren, wenn wir uns auf eine Weise verhalten, die uns verbiegt, verzerrt und in einem Licht erscheinen lässt, das uns nicht entspricht. Und diesen Schmerz nehmen wir selten ernst. Wir begegnen ihm nicht. Wir versuchen ihn mit allen Mitteln wegzumachen.

Es fällt uns so schwer authentisch zu sein, weil wir früher für unseren Selbstausdruck abgelehnt wurden.  Wir hatten keinen Spiegel für unser wahres Selbst, wir waren Spiegel für die anderen, die ebenfalls niemals wirklich gesehen wurden. Und so vollzieht sich ein Kreislauf, der keinen Ausweg hat. Es sei denn jemand kommt darin „zu sich.“

Kritikfrei zu Hause

Zu sich kommen in der ICH Phase impliziert den tiefen Wunsch sich wirklich nah zu kommen. Und die Erkenntnis, dass Nähe zu sich selbst bedeutet in sich selbst kritikfrei zu werden. Die Kritikfreiheit bedarf allerdings der Ausbildung einer hohen Unterscheidungsfähigkeit darin, welche Gedanken und Gefühle von der Konditionierung angetrieben werden und welche Gedanken und Gefühle der Nähe zu sich selbst dienen.

Es geht nicht darum alles zu tun und zu lassen, was man will. Dem Willen der Konditionierung zu folgen führt nicht in die Intimität mit sich selbst, sondern noch tiefer in den Sumpf der Unbewusstheit. Dem Willen der inneren Qualität zu folgen widerum ist der direkte Weg in ein erweitertes Selbst – Verständnis und damit in einen erweiterten Bewusstseinsraum. Deine innere Qualität spürst Du immer dann, wenn Du Dich selbst vergisst und tust, was Du gerade tust, ohne einen Kommentar darin abzugeben.

Tiefe geistige Entspannung erfährt ein Ich im Ichstadium dann, wenn es selbstvergessen an etwas hingegeben ist, dass plötzlich die Führung übernehmen darf. Ein Kuss, ein Tanz, eine Malerei, ein Gedicht. Eine Katze streicheln. Einem Kind beim Spielen zusehen. Jemandem ganz gegenwärtig zuhören. In die Wolken sehen, schnitzen, töpfern, schreiben oder kochen? Das ist die Entdeckung … Wo vergisst Du Dich selbst? Hier beginnt der Tanz des Lebens.

 

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