Wo ist Hiersein?

von | Jul 29, 2020 | SEIN | 0 Kommentare

 

Menschen stehen gern auf Gipfeln. Vielleicht auch deshalb, weil von oben alles aus einer Weite wahrgenommen wird, die einen Überblick gewährt, und eine Distanz, die geistig sehr entspannend wirkt.

Ich sitze gern auf Bergen und Hügeln. Hier gibt es den Petersberg, der mir einen weiten Blick auf Felder, Wiesen und Wälder schenkt. Man kann dort im Gras sitzen oder auf einer Bank. An solchen Orten spüre ich ganz direkt die Stille, die in allem liegt.

Die einfache Anwesenheit des Baumes dort, dessen große Blätter verspielt im Wind rascheln. Ich sehe das wehende Gras, es beugt sich fraglos jedem Luftzug, der darüber hinwegweht.

Ein unbeschwerter Blick

Ich verfolge die Schmetterlinge, die in einer solchen Selbstvergessenheit umeinander tanzen, dass sich eine sprudelnde Freude in mir fühlt. Die Berührung durch schlichte Lebendigkeit fällt leicht, wenn man mit unbeschwertem Blick in die Welt sieht.

Dann verliert das Zentrum, das ich bin, seine scharfe Umrandung und ich nehme den Baum, die Aussicht, die Schmetterlinge, die Wiesen und Felder einfach wahr, und zwar hier.

Hier bedeutet ganz unbeschwert. In Übereinstimmung mit Innen und Außen. Ohne über etwas nachzudenken, sondern ganz wach und da. Wahrnehmend und fühlend, was sich dem Blick eröffnet.

Ich schließe die Augen und spüre den warmen Wind, der über meine nackten Arme streicht. Ganz hier sein heißt sogar zu vergessen, was „Wind“ und „Arme“ sind. Ganz hier heißt direkt die Berührung zu spüren, die Wind und Haut miteinander erschaffen.

Diese Berührung ist nicht zu beschreiben. Man kann sie nur erfahren. So wie sich ein zärtlicher Kuss erfährt, der die Küssenden vergessen macht und sich als ein Gefühl auf zwei Seiten erlebt. Es ist wie Schweben im luftleeren Raum.

Direkte Berührung

Wo ist hier, wenn Du jeden Bezugspunkt verlässt? Wenn Du einfach nur fühlst, was gerade da ist? Was ist ein leises Kribbeln in der Hand, wenn Du „Hand“ weglässt und nur das Kribbeln selbst fühlst? Wo fühlt sich das?

Bewusstsein ist überall. Aber wo ist überall? Es gibt keinen Ort, an dem wir sind. Wir sind einfach. Da. Mehr können wir nicht sagen. Diese unmittelbare Erfahrung von Hiersein sprengt alles, was wir bisher über uns erfahren haben.

Wir versuchen uns immer gewaltsam zu orientieren, und leben dadurch nur in Schemata, die uns genau das bieten sollen: eine Orientierung. Wir merken nicht, dass wir uns in einem Netz aus Bezeichnungen, Ideen und Konzepten bewegen und gar keine unmittelbare Erfahrung machen.

Wenn wir sie machen würden, dann wäre sehr schnell deutlich, dass wir auf eine Weise substanzlos sind, die den gewöhnlichen Verstand vollkommen überfordert.

Die materielle Perspektive

Er muss sich festhalten an Form und Materie, an Hinweisschildern, Orten, Situationen und Gegebenheiten. Er hält es hier nicht aus. Er versteht nicht, dass ihm Bewusstsein zugrunde liegt. Dass er aus Bewusstsein selbst besteht.

Wir sind es so tief gewöhnt die Dinge aus der materiellen Perspektive zu betrachten. Zu glauben, dass alles aus der Materie, in die wir hineingeboren werden, ensteht.

Doch dafür gibt es nicht den geringsten Beweis. Es braucht lediglich eine direkte Erfahrung, um festzustellen, dass ich für alles Bewusstsein „brauche“. Ich bin mir aller Dinge, die ich wahrnehme bewusst. Meine Fingerkuppen, die über Dein Haar streichen. Was erfahren sie? Ich schließe die Augen …

Fühlen ohne Interpretation

Ich fühle, was meine Fingerkuppen fühlen. Wie ein Neugeborenes, das keine Begriffe kennt und keine Interpretation. Es weißt nichts von Schmerz und Freude. Es fühlt einfach unterschiedliche Intensitätsgrade von Berührung. Es fühlt Energien in seinem Körper, ohne zu wissen, dass es einen Körper hat…

Das ist nacktes Dasein, völlige Direktheit. Jetzt lasse ich nicht nur das Haar, sondern auch noch die Fingerkuppen weg. Ich streiche über Dein Haar und fühle …“das“, wie es sich ohne Bezeichnung anfühlt. In reinem Nichtwissen. In dieser Soheit bemerke ich, dass es noch nicht mal einen Bewusstseinsraum gibt, in dem ich das fühle.

Es gibt nur das Fühlen dieser Berührung. Versuche es selbst. Schließ die Augen und berühre Deine Hand. Konzentriere Dich ausschließlich auf das Empfinden, das daraus entsteht. Vergiss die Hände … fühle … ortlose Berührung.

Pures Fühlen in keiner Dimension. Reines Kristall. Diamantene Wahrnehmung ohne jede Störung durch Gedanken. Hier wird Ekstase geboren.

Grenzenlosigkeit in Dir

Es ist tatsächlich nicht leicht, denn wir sind es zutiefst gewöhnt innerhalb unserer Begriffe zu denken und dort heraus zu fühlen. Und das halten wir für unsere Erfahrungen. Aber wir erfahren auf diese Weise nur die Speisekarte, aber nicht das Essen selbst.

Der Geschmack einer Erdbeere. Beiß hinein und sieh. Wo entfaltet er sich, wenn Du Dich ausschließlich auf den Geschmack beziehst? Dein Gaumen wird zur Kathedrale, deren Grenzen in einem Himmelszelt münden, dessen Spannweite endlos ist.

In dieser Empfindung öffnen sich neue Horizonte, die uns das Leben auf ganz neue und deutliche Art wahrnehmen lassen. Näher als nah. Intimer als Intim: All-ein.

Es gibt keine Entfernung zu Dir

Alles, was existiert, besteht aus Bewusstsein selbst. Wir wissen um die Dinge, durch direkte Erfahrung. In jeder Sekunde. Wo findet Sehen statt? Wo findet Hören statt? Riechen? Schmecken? Immer wieder ausschließlich hier

Das ist aufregend und atemberaubend, weil klar wird, dass es keine Entfernungen gibt. Alles wird hier wahrgenommen, ohne, dass wir sagen könnten, wo das ist. Das Blätterrascheln, ist es wirklich zehn Meter von mir entfernt? Oder doch ganz nah an meinem Ohr? Und noch direkter – im Hören selbst?

Wir werden durch Wahrnehmung erschaffen. Es gibt nichts als das. Ortlose Wahrnehmung, die sich durch mich und Dich erfährt. Als wären wir unterschiedliche Wahrnehmungspunkte im gleichen Wahrnehmungsfeld.

Als Leerheit die Fülle erkennen

Darin liegt eine saglose Schönheit. Eine, für den Verstand unerträgliche Leichtigkeit. Eine Freude für Bewusstsein selbst, das sich seiner transparenten Natur in begrenzter Form gewahr wird und damit der Substanzlosigkeit allen Daseins. Wir fallen in die Traumhaftigkeit der Existenz.

Wer kann diese Gedanken aushalten? Und doch führen sie uns in die Vollkommenheit von Sein und Nichtsein im Leben selbst. Ich schmecke, fühle, rieche, höre und begreife meine Realität, das Vorhandensein meiner Perspektive in der unendlichen Weite des Bewusstseins und zerfließe als festes Gefüge, das sich darin als haltlos durchschaut …

So ein Ausblick auf die äußere Weite der Landschaften unterhalb eines Berges sind eine Erinnerung an die Fähigkeit, uns in uns selbst dieser Weite zu bedienen. Zu erkennen, wie alles Fühlen und Denken, alle Vorstellungen und inneren Bilder in dieser Grenzenlosigkeit erscheinen.

Dieser reinen Leerheit zu erlauben sich ganz mit Liebe, Gefühl, Geist und Poesie, mit dem rauschenden Treiben des Lebens zu füllen. Der Ort von Hiersein? Er ist pure Gottesfeier. 

In Verbundenheit, Nicole

 

 

 

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