Corona und die dritte Position

von | Nov 17, 2020 | SELBST | 5 Kommentare

Es scheint oft so, als hätte Spiritualität nichts mit dem profanen, alltäglichen Leben zu tun, das wir kollektiv erfahren. Mit dem Leben, das zurzeit in den Medien stattfindet und sich auf das Erleben der Menschen auswirkt. Es scheint eine dünne Trennlinie zu geben zwischen der spirituellen Erfahrungswelt und der „normalen“ Welt eines jeden, der sich im gesellschaftlichen System aufhält. Spiritualität scheint für den gewöhnlichen Verstand, außer Achtsamkeitsübungen und einer mühsamen Innenschau, nichts bereit zu halten, was das Leben erleichtert.

Warum ist das so? Warum hat spirituelles Gedankengut so wenig mit der konkreten Welt zu tun? Die Frage ist hier, aus welcher Perspektive gesehen wird. Aus der Perspektive des kollektiven Weltbildes heraus betrachtet sieht es so aus, als wäre Spiritualität abgehoben, weltfremd und in letzter Konsequenz das Spielfeld weltflüchtiger Spinner. Oft ist es tatsächlich so, dass spirituelle Erkenntnisse in einen Eskapismus führen, um der direkten Erfahrung des Lebens auszuweichen, doch darum geht es hier nicht.

Kurz gesagt: Aus der Perspektive stillen Bewusstseins heraus gesehen ist das, was bis zum heutigen Zeitpunkt als „Welt“ geschieht,  das direkte Ergebnis einer Fehlwahrnehmung, die sich durch den Menschen erlebt. Beide Weltbilder können sich nicht begegnen, weil sie unterschiedlichen Erfahrungshorizonten entspringen.

Von der zweiten in die dritte Dimension

Die Welt der gesellschaftlichen Systeme, die Welt der Wissenschaft, der Philosophie, der Psychologie, der Unterhaltungsindustrie, der Nahrungsmittelindustrie, der Politik und Medizin, die Welt des Geldsystems und des Konsums ist (wie) eine zweidimensionale Welt, die aus sich selbst heraus keine Möglichkeit hat von sich abzusehen, um in die Dreidimensionalität geistiger Erfahrungswelten aufzusteigen. Um sich selbst in einem erweiterten Licht zu betrachten.

Geist und Materie stehen sich –  aus der weltlichen Sicht (der materialistischen Sicht) betrachtet – als unvereinbare Gegensätze gegenüber. Aus spiritueller Sicht ist Materie nichts anderes als hoch verdichteter Geist. Diese Sichtweise ist fundamental anders als die Sicht aus der Konkretheit der Dinge. Während sich die eine Sicht hochbegrenzt zeigt, eröffnet die andere Sichtweise eine totale Entgrenzung. Der Dimensionswechsel ist nicht weniger fundamental als die Erkenntnis, dass die Erde keine Scheibe ist oder dass die Erde sich um die Sonne dreht.

Was hat das alles mit Corona zu tun und der konkreten Welt, die sich gerade in zwei Lager spaltet, wo plötzlich ganz normale Menschen aufeinander losgehen, sich gegenseitig denunzieren und in eine Entweder- oder Mentalität fallen, die ein soziales und emotionales Chaos anzurichten droht?

Die erweiterte Perspektive

Letztendlich kann nur ein Aufstieg in ein erweitertes Bewusstsein die Welt retten. Ein Aufstieg des Geistes in eine erweiterte Perspektive des Lebens und des menschlichen Daseins. Alles andere ist bereits dargestellt und bewegt sich lediglich auf einen Kollaps zu, der eine direkte Folge jener Fehlsicht ist, dass wir Menschen ein endlicher und demnach begrenzter Ausdruck in Raum und Zeit sind. Allein der Glaube, dass ich geboren werde und sterbe, ruft jene Todesangst hervor, die sich nun kollektiv in aller Deutlichkeit zeigt, wo sie vorher unter dem Teppich einer scheinbaren Normalität vor sich hin wirken konnte, ohne sich öffentlich preiszugeben.

Wie im Kleinen so im Großen. Die Bewusstwerdung eines einzelnen Menschen über seine wahre Natur kann nur stattfinden, wenn er sich seiner Ängste und inneren Schmerzen bewusst wird. Wenn sie ans Licht kommen. Wenn sie gesehen werden. So lange sie nicht gesehen sind, wirken sie eben ungesehen und damit unbewusst als Motor aller inneren und äußeren Handlungen. Bewusstwerdung heißt: Der Raum der Wahrnehmung weitet sich und erfasst seinen Inhalt.

Als würde das Universum bemerken, dass in ihm eine Erde schwebt, werde ich mir meiner Ängste bewusst und erkenne, dass ich es bin, die sie wahrnimmt. Dadurch ereignet sich eine Verschiebung meiner Perspektive. Ich bin nicht mehr auf die Größe einer Erbse festgelegt und dazu verdammt die Realität als Erbsenrealität wahrzunehmen, sondern erkenne zunächst, dass das, was um die Erbse herum ist, das ist, was ich bin. Ich bin nicht die Angst, ich bin die Wahrnehmung selbst. Ich erkenne mich als das alles umfassende Universum, wo ich mich vormals für eine isolierte Konkretheit gehalten habe, die ganz bestimmten Bedingungen unterworfen ist.

Die Eigenschaften der Angst

Jetzt kann „die Welt“ ihre Todesangst nicht mehr verstecken. Sie ist vollkommen sichtbar ausgebrochen.

Nur sichtbar für wen? Das ist die alles entscheidende Frage. Die Maßnahmen gegen die Lebensbedrohung durch das Covid 19 – Virus entspringen der direkten Todesangst und sind dadurch von den offensichtlichsten Eigenschaften der Angst geprägt. Sie entspringen der Erbsenrealität. Die offensichtlichste Eigenschaft von Angst ist eine Einschränkung des Bewusstseins auf ein Minimum. Das ist biologisch so eingerichtet, damit maximale Energie für eine lebensrettende Handlung möglich ist: Flucht, Angriff oder Totstellen. Das sind die drei Möglichkeiten, um auf eine Bedrohung zu reagieren.

Und so reagiert das menschliche Kollektiv momentan aus einer Angstrealität heraus, die ihre klaustrophobischen Ideen in voller Überzeugung als einzig möglichen Umgang mit den Umständen postuliert. Das ist folgerichtig, aber nicht intelligent.

Intelligenz heißt in erster Linie „Raum der Möglichkeiten“.

Möglichkeiten, die im Einklang mit dem unbegrenzten Charakter der Intelligenz stehen und nicht im Einklang mit einem eingeschränkten Bewusstsein, das, wie oben beschrieben, eine natürliche Folge von Angst ist.

Corona und die dritte Position

Ein erster Schritt in Richtung Intelligenz wäre es, die dritte Position zu sehen, die als mögliche Haltung dem Virus gegenüber in den Raum tritt. Es geht nicht darum gegen oder für die Maßnahmen zur Eindämmung des Virus zu sein. Es geht erstmal nur darum wahrzunehmen, was die ganze Situation mit Dir macht. Geistige Verwirrung entsteht dort, wo kein inneres Zentrum gegeben ist und infolgedessen woanders nach haltbietenden Lösungen gesucht wird. Doch wenn sich die haltbietenden Lösungen ständig selbst widersprechen, ist der Nährboden für Angst, Aggression und Lähmung perfekt.

Die derzeitige Demonstration weist direkt auf eines hin: Die Welt gerät aus den Fugen, weil alle nach außen statt nach innen sehen.

So hat die Welt bisher funktioniert: Ich, als Individuum, lebe in einem gesellschaftlich vorgegebenen Rahmen und orientiere mich an den herrschenden Gesetzmäßigkeiten, die von „oben“ beschlossen werden. Mein Mitspracherecht beschränkt sich auf eine Stimme in einem Stimmenmeer. Die ganze Idee entlarvt sich nun als haltlos und als Folge einer Fehlsicht: Nämlich, dass die Menschheit eine äußere Führung braucht, um zu funktionieren. In welchem Sinne zu funktionieren, fragt sich da nur. Natürlich im Sinne eines etablierten Systems.

Diese Welt ist nicht zu retten

Das System aber hat sich mittlerweile verselbständigt und frisst seine eigenen Kinder. Wir sind dem System Ausgelieferte und können es schlicht nur verlassen, anstatt weiter vergeblich zu versuchen es zu retten. Denn dieser Versuch entpuppt sich als Sysiphusarbeit. Das ganze System ist Ausdruck einer geistigen Beschränkung.

Genau das geschieht dem spirituell Findenden: Er verlässt das System seiner mentalen, also gedanklich dominierten Welt und findet sich in einem offenen Raum der natürlichen und dadurch intelligenten Selbstregulation wieder. Etwas, das vordem unvorstellbar schien.

Diesem Finden geht allerdings der Blick nach innen voraus.

Die Frage ist also nicht, ob die Corona – Maßnahmen richtig sind oder falsch. Die Frage ist, was macht das alles mit Dir? Welche Gefühle löst es in Dir aus? Welche Ängste fördert es zutage, und bist Du bereit Dich ihnen zu stellen? Bist Du bereit hinzusehen und Dich darin und damit ernst zu nehmen? Dich den auftauchenden Fragen in einer erwachsenen Weise zu stellen?

Bist Du bereit für Dich?

Eine Weise, die nicht nach den Eltern ruft, die eine passende Lösung anbieten sollen, sondern eine Weise, die in sich selbst den Halt entdeckt, der eine für Dich relevante Haltung nach sich zieht? Bist Du bereit Deinen Blick von den Medien abzuziehen, von dem, was „da draußen“ geschieht, und ihn in Dich hinein zu lenken, um Dir selbst zu begegnen und die Mechanismen Deiner Reaktionen zu durchschauen?

Wenn Du erkennst, dass Deine Wut auf die gerade stattfindenden Ereignisse ein Zeichen Deiner Hilflosigkeit ist, die nur Dir selbst gilt, wenn Du erkennst, dass Angst ein Zeichen der fehlenden Wahrnehmung innerer Sicherheit ist (denn diese Sicherheit ist da!), dann eröffnen sich neue Möglichkeiten für Dich. Solange Du aber von Angst und Wut angezogen wirst und in ihnen versinkst, sie für die einzig richtige und mögliche Reaktion hältst, wirst Du genau das erfahren, was im Moment offenbar wird: die Büchse der Pandora, die ihren unheilvollen Inhalt über die Welt und Dich ergießt.

Es gibt schlicht niemanden, der weiß, was richtig ist. Auch wenn wir das kollektiv noch immer glauben und glauben wollen. Die äußere Führungsmentalität ist maßlos veraltet, und genau das bekommen wir zu spüren. Wahre Führung geschieht von innen, doch dazu bedarf es einer erwachten Wahrnehmung des Inneren, und die geschieht allein durch die Lenkung der Aufmerksamkeit.

Ist das Erdbeben groß genug?

Das ist die große Schwierigkeit, für die jetzt die Chance gekommen ist, in den Raum der Möglichkeiten zu treten. Die Zeit der Innenschau ist angebrochen, sobald die Erschütterung der Oberfläche groß genug ist. Wir werden sehen, wie groß sie werden muss, bis der Blick sich wirklich verschiebt. Und damit eine neue Weltsicht zutage tritt, die nach und nach das Angstsystem als massive Beschränkung ihrer Möglichkeiten erkennt und dadurch immer mehr losgelassen werden kann.

Die dritte Positon ist die der Wahrnehmung. Sie sieht als Ganzes alle Teile. Sie wohnt jedem Menschen inne. Doch üblicherweise wird sie vom mentalen Raum verengt, der durch seine angstbesetzte Gedankenaktivität Emotionen hervorruft, die verheerende Reaktionen zur Folge haben. Jetzt hast Du die Chance zu beobachten, wie der Reflex auf reine Vorstellungen der Reaktion auf eine direkte Erfahrung gegenübersteht.

Die angstbesetzte Meinungsmache der Medien erzeugt Vorstellungswelten in den Köpfen der Menschen, auf die sie reagieren. Vorstellungswelten, die zumeist mit der tatsächlichen Realität des Einzelnen nichts zu tun haben und ihn ganz direkt davon ablenken.

So erschaffen wir derzeit die Manifestation paranoider Vorstellungswelten und heben sie in den konkreten Raum, anstatt zurückzutreten und sich auf sich selbst zu besinnen. Auf sich selbst als einen selbstregulierten Mechanismus, der alle Antworten und Handlunsanweisungen dort findet, wo sein Puls, sein Atem und seine Empfindungsfähigkeit verortet sind: Hier.

In Verbundenheit, Nicole

 

Danke!

Wenn Dich der Artikel inspiriert hat, freue ich mich sehr über den Ausdruck Deiner Wertschätzung mittels einer Spende.

5 Kommentare

  1. Bernd Bienentreu

    Liebe Nicol,
    danke für die Worte, die mich wieder erinnern… Fernsehen, Zeitungen, (a)soziale Medien gibt es schon lange nicht mehr in meinem Leben. Dennoch werde ich dauernd mit diesen Zombies konfrontiert und muss mich auseinandersetzen. Einfach um das physische Überleben zu sichern. Sich von einer Horde Menschen fernzuhalten, die bereit sind, vor lauter Angst zu sterben, Selbstmord zu begehen. Andererseits ist es eine gute Übung, das wirken des Sein zu beobachten und zu akzeptieren, dass es so ist wie es ist.
    Danke für Deine Liebe,
    Bernd

    Antworten
  2. Petra Dewein

    Liebe Nicole, deine Worte berühren mich sehr. Ich versuche jeden Tag, mich diesem äußeren Sog zu entziehen und mich immer wieder auf mich zu besinnen. Das ist nicht immer einfach, aber ich fühle, dass dieser Rückzug für mich das einzig richtige ist. Nur in mir finde ich den Halt, um mit der Situation, die sich im aussen zeigt, umzugehen und bei mir zu bleiben. Vielen Dank für die wunderbaren Texte, die mich immer wieder auf mich zurück werfen und mich erinnern. LG Petra

    Antworten
    • Karin

      Wunderbar ausgesprochen,entspricht total meinem Fühlen und wahrnehmen

      Antworten
  3. Anne

    Liebe Nicole.
    Danke für diesen sehr weisen und klaren Artikel. Ich bin dankbar, das es Menschen wie dich gibt. Tut gut!

    Herzliche Grüße, Anne

    Antworten
  4. Jürgen Küster

    Liebe Nicole, Du sprichst mir hier aus der Seele. Vielen Dank dafür. Ich habe lange nach Worten gesucht, um meine Haltung zu den ganzen so hilflos anmutenden Coronastrategien zu formulieren. Da bist Du mir zuvor gekommen.

    Antworten

Einen Kommentar abschicken

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.