Angst oder Mangel. Was die freie Sicht behindert.

von | Sep 28, 2020 | ICH | 12 Kommentare

Angst oder Mangel - anhören

von Ich.Selbst.Sein.

Es gibt nur zwei Quellen, die unsere freie Wahrnehmung einfärben. Entweder siehst Du durch die komplexen Ebenen der Angst oder durch die vielschichtigen Abstufungen des Mangels. Beide Sichtweisen werden durch Gedanken hervorgerufen. Gedanken, denen Du, als die Aufmerksamkeit, die Du bist, folgst. Wenn Du wirklich mal in Dir still wirst, kannst Du wahrnehmen, wie schwer es ist aus latent bedrohlichen, angstvollen Gedanken und aus Gedanken des Zweifels, der Ablehnung und der Freudlosigkeit, auszusteigen. Wie schwer es ist, die Aufmerksamkeit in solchen Momenten woanders hinzulenken, als darauf, wohin sie Dich führen wollen.

Wenn Dir das auffällt, erkennst Du, wie sehr Du gezwungen bist, Denkrichtungen zu folgen, die Dein inneres Klima regelrecht vergiften.

Angst lässt Dich vor dem Leben zurückweichen. Sie zwingt Dich immer wieder in die Defensive, in den Rückzug, in die Einschränkung Deiner Möglichkeiten. Sie verweigert Dir das Erleben der Grenzenlosigkeit als tiefes Selbstgefühl. Eine Grenzenlosigkeit, die von sich selbst getragen ist und in sich selbst vollkommen sicher ist. Eine Weite, die ausdifferenziert ist, aber den Sinn für die Einheit ihrer Teile nie verliert. Wie ein Baum, der aus Blättern, Ästen, Zweigen und einem Stamm besteht, die man alle einzeln betrachten kann, der aber nie das Gefühl für sich als Baum verliert.

Einzelteile ohne Zusammenhang

Dieses Empfinden verweigert Dir die Angst und zwingt Dich dazu immer wieder nur die einzelnen Teile zu betrachten, die nirgendwo reinzupassen scheinen. Teile, die sich nicht in der Einheit zu ihrer Umgebung wissen, bekommen Angst. Sie sind verloren in einer Weite, die ihnen fremd bleibt und müssen versuchen sich zu schützen.

Der Mangel hält Dich immer in einer Sehnsucht gefangen, die von besseren Zeiten, mehr Möglichkeiten, größerem Glück, innerem Frieden und Erfüllung erzählt. Er verhindert Deine volle Präsenz im Augenblick. Die Versklavung heißt: Ich will.
Du wirst Opfer Deiner Wünsche, die endlos sind. Denn das Fass des Mangels ist nicht zu füllen.
Weil Du immer in die falsche Richtung blickst. Immer weg von Dir. Der Mangel verweigert Dir die Sicht auf Dein inneres Vollsein. Auf das unspektakuläre, aber herrlich leichte und entspannte Gefühl innerlich ganz und wunschlos zu sein.

Weil alle Teile richtig sind und genau so, wie sie sind.
Wie alles, was Du siehst, wenn Du Dich umsiehst. Alles ist es selbst, so, wie es ist und auch nur dann erkennbar. Eine Tulpe unterscheidet sich nur deshalb von einer Rose, weil sie vollkommen sie selbst ist. Sie lebt bedenkenlos die Information, die ihr zugrunde liegt. Nur wir Menschen zweifeln an der einfachen Soheit unserer selbst und schwächen unsere innere Strahlkraft, weil woanders alles besser zu sein scheint, als hier, wo wir sind.

Wir leiden an der Freiheit

Im Grunde leiden wir an unserer Freiheit, deren Möglichkeiten wir nicht erkennen. Ein Hund, eine Gans, ein Vogel, eine Linde, ein Schwein. Sie sind alle festgelegt sie selbst zu sein und damit in Frieden mit sich. Aber der Mensch? Er leidet an seinen unbegrenzten Möglichkeiten und fragt sich deshab ständig, wer er denn nun ist, weil er glaubt sich in die Festlegung sehen und denken zu müssen, um sich sicher zu fühlen. Der Mensch ist Ausdruck von Bewusstsein, das erstmals die Möglichkeit hat, sich seiner selbst bewusst zu werden. Und damit das Wunder seiner Anwesenheit, seiner unbegrenzten Fülle und Selbst-Sicherheit zu erkennen. Und zu feiern.

Doch bis zur Feier ist es scheinbar ein weiter Weg. Er muss erst durch die Überlebensprogramme durch, bis er erkennt, dass er sowohl der ganze Kuchen ist als auch seine Teile. Und nicht nur die verloren herumliegenden Kuchenstücke nach der Party.

Bis dahin muss er sehenden Auges durch die Angst und durch den Mangel gehen. Um sie zu durchschauen als Fake, als Fehlsicht, als Schadsoftware, die das System seiner vollen Möglichkeiten beraubt.

Angst und Mangel sind dasselbe

Angst und Mangel sind dasselbe, in unterschiedlichen Kleidern. Mangel entsteht durch Angst und Angst durch Mangel. In jeder Angst steckt ein Mangel und in jedem Mangel steckt Angst. Sie zwingen uns nur in unterschiedliche Richtungen. Der Mangel zwingt uns vorwärts: Ich will das!
Und die Angst zwingt uns rückwärts: Ich will das nicht!

Ursprünglich gesprochen, soll uns beides vor der Vernichtung schützen. Und beraubt uns gleichzeitig des vollen, prallen Lebens selbst.

Es braucht eine radikale Umkehr. Es braucht eine echte Not, ein echtes Leiden unter der Angst, unter dem Mangel, bis sich eine Kraft entwickelt, die stärker ist, als alle Gedanken an die Vernichtung. Eine Kraft, die es wirklich wissen will. Die immer deutlicher die Fesseln spürt, die ihr angelegt werden, wenn sie sich wieder und wieder von den gleichen Gedanken überwältigen und in Bahnen zwingen lässt, die ihr einfach nicht entsprechen.

Jeder Mensch hat grundsätzlich die Möglichkeit sich von seinen Gedankenmustern zu befreien. Unsere wahren Möglichkeiten als Bewusstsein in Menschenform haben wir noch nichtmal im Ansatz herausgefunden. Doch dazu müssen wir tatsächlich bereit sein, das, was wir bisher über uns angenommen haben, über Bord zu werfen.

Lass Dich ergreifen

Wir müssen uns von der Möglichkeit ergreifen lassen, so sehr zu uns kommen zu können, dass Angst und Mangel wie die unheimlichen Zwillinge aus Gruselfilmen erscheinen, die dann ihre Macht über uns verlieren, wenn das Licht angeht und der Film aus ist. Irgendwann müssen wir nicht mehr unter unser Bett schauen, um uns zu vergewissern, dass da keine Monster lauern. Ganau so, müssen wir irgendwann keinen Gedanken mehr folgen, die uns ein ums andere Mal Dinge erzählen wollen, die uns kleinmachen, verängstigen und in der Defensive des Lebens halten.

Ja, das ist schwer. Weil die Zwillinge in einer Zeit zu uns wurden, als wir noch nicht reflektieren konnten. Deshalb spielen sie sich einfach so ein. Wie stets ungebetene Gäste, die wir dennoch immer wieder reinlassen. Doch irgendwann ist es genug. Dann bleibt die Tür zu. Denn Du bist zu Hause. Und weißt: Es ist Dein zu Hause. Dort kommt nur das rein, was rein gehört. Was das ist, weißt Du dann, wenn Du die Gäste eine Weile hast klingeln lassen, ohne aufzumachen.

In Verbundenheit, Nicole

 

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12 Kommentare

  1. Isa

    Toller Text, der mich sehr berührt hat! Dankeschön

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    • Wolfram

      Liebe Nicole,

      ich freue mich immer besonders, wenn sich mir ein Gedanke von mehreren Seiten gleichzeitig erschließt – so habe ich mit viel Freude soeben deinen neuen Blog gelesen, in dem du die aus Angst und Mangel geborenen Glaubenssätze analysierst und deinen Leser ermutigst, zu deren Ablegung und innerer Befreiung ein starkes Bewusstsein über die Zusammenhänge zu entwickeln. – Manchmal glaubte ich bei der Lektüre, Jidu Krishnamurti spräche zu mir.

      Du sagst aber selber, dass bewusste Analyse und Wandlung sehr schwer sein können. Und hierzu bedarf es oft professioneller Hilfe – vor allem dann, wenn, wie so oft, Traumatisierungen aus der Kindheit oder späterer Zeit vorliegen.
      Hierzu habe ich parallel gerade das wunderbare Angebot auf homodea.com (Veit Lindau) von der Traumatherapeutin Verena König gesehen, das genau zu deinen Gedanken passt. Vielleicht interessiert es dich:
      https://homodea.com/live-events/live-video-verena-koenig-25-09?rid=b8ae81b0-fea3-11ea-8d91-56fb9542b16d&ehash=M5A_8g8xWMz-akkCRAI6JER1Qdk%3D&uid=233ff0f0-a7ab-11e9-8aa7-f808dbf2e3af&app=api&rel=1.0.100&utm_source=newsletters&utm_medium=email&utm_campaign=homodeaverenakoeniglive

      Ich finde es sehr schön, wie du deine Lebensfreude und Weisheit mit anderen Menschen teilst.
      Mit herzlichen Grüßen

      Wolfram (75) aus Lüneburg

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      • IchSelbstSein

        Lieber Wolfram, danke für Deinen Kommentar. Ja, es gibt verschiedene Stationen „unterwegs“ und man findet immer zu der Hilfe, die gerade „dran“ ist und einem entspricht. Herzliche Grüße zurück, Nicole

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    • IchSelbstSein

      Vielen Dank Isa, für Deinen Kommentar! LG Nicole

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  2. Annegret

    Liebe Nicole,

    Sehr weise, still und leise und doch klar, laut und deutlich, deine Worte, deine aus dir selbst empfangenen Erkenntnisse.
    Du als ein Teil des Ganzen der hier spricht, differenziert und zusammenfügt.
    Danke dir geliebte Seele für dein Teilen eines universellen Schatzes, der von uns Menschen Stück für Stück erinnert und geborgen werden will.

    Alles Liebe, Annegret

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    • IchSelbstSein

      Liebe Annegret, danke für Deinen überaus schönen Kommentar! LG Nicole

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  3. Christine Geiler

    Wenn die Zerrissenheit gesehen wird und kein Weg mehr möglich ist, von dem abzulenken, ich mir selbst nicht mehr entkommen kann, bin ich bereit einen anderen Weg zu gehen. In der Sehnsucht weiß ich dass es möglich ist, denn sie gibt mir die Kraft über Altes hinauszugehen. Alles dient mir, wenn ich nicht mehr wegschaue.
    Bereichernd wie du Angst, als zurückweichen und Mangel, als vorwärts preschen beschrieben hast. Danke dir.

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    • IchSelbstSein

      Lieben Dank für Deinen schönen Kommentar, Christine! Herzlichst, Nicole

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  4. Roswitha Hanewinckel

    Liebe Nicole,

    ganz lieben Dank für deinen wieder so tief gehenden Text.
    Er trifft genau auf den Punkt, der gemeint ist. Das tut so gut, lässt aber auch keine Chance mehr, wegzuschauen oder Ausreden zu suchen.

    Alles Liebe, Roswitha

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    • IchSelbstSein

      Liebe Roswitha, ich freue mich sehr, dass der Text in Dich Einlass gefunden hat.
      Und ich danke Dir von Herzen für Deine so überaus großzügige Spende!
      Ganz herzlich, Nicole

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  5. Valentina

    Schönes Bild von den Zwillingen, deren einer vorwärts und der andere rückwärts zieht.

    In meinem Leben habe ich das „zwischen den Stühlen“ stehen genannt … und inzwischen erkannt, dass es um den Platz dazwischen geht.
    Dort nämlich, wo tatsächlich ich stehe. Erkannt … und doch ist es immer noch schwer umzusetzen: „klingeln zu lassen, ohne aufzumachen“.

    Wie geht das? Ohne im Widerstand zu landen, der ja auch nicht sooo gesund und erlösend ist? Vll. Ab-Stand statt Wider-Stand? Oder gibt’s da noch was anderes? Zu-mir-Stand vielleicht?

    Danke für deine Anregungen ….. für dich …… Valentina

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    • IchSelbstSein

      Liebe Valentina, ja, Widerstand ist nicht die Lösung. „Zu mir Stand“ gefällt mir sehr gut.
      Denn der enthält, dass alles von mir sein darf. Zuerst die Erkenntnis: Es gibt ungebetene
      Gäste, die immer wieder klingeln. Und sie verwüsten jedes Mal meine schöne Wohnung, wenn ich
      sie reinlasse. Das allein ist schon ein Erkennen. „Ich“ lasse sie rein. Übersetzt: Ich
      folge immer wieder den gleichen Gedankenspiralen in mir, was mich in die immer gleichen
      Gefühle führt. Die Frage ist hier berechtigt: Wer ist dieses „Ich“, das immer wieder „folgt“?
      Wenn Du ganz direkt beobachtest, kannst Du sehen: Es ist die Aufmerksamkeit. Ich bin
      Aufmerksamkeit, die sich an Gedankeninhalte heftet. Das ist, was ich bin. Gerichtete Aufmerksamkeit.
      Worauf richtet sie sich immer wieder? Woran ist sie gezwungen, sich zu binden?

      Will ich wirklich weiterhin gezwungen sein? Oder will ich frei entscheiden, wo ich hinfließe?
      Die Antwort auf diese Frage lässt Dich immer mehr einsehen, was Du wirklich willst.
      Und das ist im Allgemeinen, ungezwungen Du selbst zu sein.
      Die Größe dieses Wunsches entscheidet darüber, wie leicht oder schwer es Dir fällt die Gäste vor
      der Tür stehen zu lassen. Nicht mehr brav den angelernten Wegen zu folgen. Sondern auszubrechen
      als das Wesen, das dieses Leben endlich als es selbst erleben will. Dazu ist es da. Und zu nichts
      anderem. Wenn das alles nicht „funktioniert“ gibt es immer noch den Weg der totalen Hingabe, Der totalen
      Einsicht in die Aussichtslosigkeit etwas zu ändern. Du sinkst in Dich ein, genau so, wie Du bist.
      Ohne etwas ändern zu wollen. Tiefes Verschmelzen mit Dir in der „unvollkommenen“ Form, die Du scheinbar
      bist. Auch hier findet eine Entspannung statt, die den Raum für Dich öffnet.
      Meiner Erfahrung nach ist es eine Mischung aus beiden „Wegen“, die letztendlich zu sich selbst führt.
      Ganz herzlich, Nicole

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