Der Sinn von Schmerz

von | Aug 31, 2020 | SELBST | 6 Kommentare

Der Sinn von Schmerz - anhören

von Ich.Selbst.Sein.

 

Alles, was die Natur von Bewusstsein nicht reflektiert, äußert sich als der Schmerz der Nichtübereinstimmung mit sich selbst. Da, wo Bewusstsein zu sich selbst erwacht, kehrt Stille ein, in der sich die Existenz als Ausdruck der Liebe widerspiegelt.

Natürlich können wir einfach sagen: Hier tut es weh, deshalb muss ich hier hinschauen. Das gilt für einen Schmerz im Knie genauso wie für einen Herzschmerz. Doch warum gibt es Schmerz überhaupt und wie kann ich ihn wirklich nutzen, um zu mir zu finden, zu jener Stille, die widerspiegeln kann, was diese Existenz in ihrer tiefsten Wirklichkeit ist?

Als Kinder haben wir gelernt, dass es gute und schlechte Gefühle gibt. Solche, die wir anstreben, und solche, die wir vermeiden sollten. Die Bewertung richtete sich genau danach, wofür wir Aufmerksamkeit erhalten haben und wofür nicht. Genau diese Information erschafft unsere Probleme und verhindert es uns umfassend wahrzunehmen. Diese Information ist es, die wir anzweifeln müssen, um ein tieferes Verständnis für das Leben, als das wir passieren, zu erhalten.

Diese Information, die wir auf unterschiedlichen Ebenen erfahren und verinnerlicht haben, erschafft das Bedeutungssystem, das unsere Aufmerksamkeit lenkt und unsere Gefühle hervorruft. Je nach dem, wie wir die Situtationen beurteilen, die uns widerfahren, stellen sich positive oder negative Empfindungen ein. Wo unsere Aufmerksamkeit hinfällt – ob wir beispielsweise darauf gepolt sind eher eine Kritik als ein Kompliment wahrzunehmen – ist Ausdruck dieses Bedeutungssystems, das wir mit der Muttermilch aufgesogen haben.

Wie funktioniert das “Ich”- System?

Es ist unbedingt nötig hier Licht reinzubringen, um zu entdecken, wie das System, das wir als unsere Gedanken und Gefühle erleben, funktioniert – um sichtbar zu machen, dass es ein System ist, eine Struktur, die uns lenkt, anstatt eine freie, leichte, ungebundene Wahrnehmung, die unserer Individualität in freier Form entspricht. Die das sich selbst folgende Bewusstsein, das als „Du selbst“ in Erscheinung tritt, reflektiert.

Gefühle an sich sind nichts anderes als ein Navigationsystem, das uns darüber informiert, auf welcher Reflektionsebene von Bewusstsein wir, als Wahrnehmung, uns gerade befinden. Hört sich sehr nüchtern an, ist aber hilfreich, es mal emotionslos zu betrachten. Gute Gefühle verdeutlichen, auf der oberflächlichen Ebene, dass wir eine Situation positiv bewerten. Schwierige Gefühle zeigen uns, dass wir ein Erleben negativ bewerten. Hier werden wir also auf das Bewertungssystem aufmerksam, das unser Leben bestimmt.

Jetzt können wir uns fragen, wer es denn ist, der dieses Bewertungssystem wahrnimmt? Und schon sind wir eine Ebene tiefer gerutscht, die uns offenbart, dass die Möglichkeit zu sehen, dass ich nach inneren Bewertungsmustern funktioniere, bereits eine tiefere Wahrnehmungsebene ist. Bewusstwerdung ist nichts anderes als das Fallen von einer Wahrnehmungsebene zur anderen. Wir entdecken immer mehr Dimensionen oder Wirklichkeitsschichten, die vorher einfach nicht da waren.

Gebundene Aufmerksamkeit

Jetzt können wir sehen, dass unsere Gefühle uns verdeutlichen, wie gebunden unsere Aufmerksamkeit an eine Bewertung ist. Und das haben wir dann auszubaden. So lange, bis wir dieses Gebundensein sehen und dadurch hinterfragen können. Das gewöhnliche oder übliche Bewusstsein strebt unaufhörlich nach guten Gefühlen und vermeidet die schlechten. Es beraubt sich dadurch wichtiger Erfahrungsmomente, die es tiefer in sich selbst hinein führen können.

Bewusstsein, das sich selbst einsieht, wird immer weiter, offener und freier, weil es die Beziehungen erkennt, die Verbindungen, die es nachvollzieht, bis sich ein Gefühl einstellt. Ich muss erkennen, an welchen Glaubensmustern ich mich orientiere, um zu erkennen, warum mir widerfährt, was mir widerfährt. Wenn ich Schmerz vermeide und mich immer ablenke, sobald ich ihn spüre, dann beraube ich mich der Möglichkeit zu erfahren, warum es weh tut. Was muss ich über mich glauben, damit es so weh tut? Das ist eine wichtige Frage, die mir offenbaren kann, welche Verknüpfungen ich gedanklich vollziehe, um dieses bestimmte Gefühl hervorzurufen, das mir immer und immer wieder begegnet.

Wir empfinden Schmerz, weil etwas nicht heil ist. Schmerz ist die Verdeutlichung der Abweichung. Doch um diese Abweichung von Heilsein empfinden zu können, müssen wir bereits wissen, was Heilsein ist. Es ist die Grundlage, damit überhaupt eine Abweichung davon wahrgenommen werden kann. Jedes Streben nach Glück ist letztendlich ein Streben des Nichtheilseins ins Heilsein, das grundsätzlich da ist. Wir können es nur nicht wahrnehmen, weil die Wahrnehmung von Glaubensmustern überlagert ist. Darum ist es so enorm wichtig sich aus der Identifikation mit den eigenen Glaubensmustern zu lösen, um überhaupt wahrnehmen zu können, dass da eine Identifikation vorhanden ist.

Lass Dich nicht beirren …

Das kann erst dann geschehen, wenn ich aufhöre Schmerz zu vermeiden und anfange mich ihm zu stellen, sobald er aufkommt. Ich darf mich (Bewusstsein) nicht beirren lassen, von den starken Gefühlen, die er auslöst. Sondern ich versuche präsent zu bleiben als Aufmerksamkeit, die wahrnimmt, was in mir vorgeht. Ich fühle beispielsweise deutlich, was der Perfektionsanspruch mit mir macht. Die Hektik, die er auslöst, den Stress, die unermüdliche Arbeit, die er mir auferlegt, bis ich dem Perfektionsrichter einigermaßen (und immer nur für kurze Zeit) entsprechen kann.

Ich fühle den Stachel des Zweifels, der Kleinheit, die Unterdrückung der Lebensenergie, der Vitalität, des freien kreativen Flusses, der sich von selbst vertraut. Dadurch wird mir klar, dass ich das altvertraute Gefühl, nicht zu genügen, durch den Perfektionsanspruch vermeiden will. Der Anspruch perfekt zu sein ist nichts als ein Abwehrmechanismus, der den Zusammenbruch meines damaligen kindlichen Systems verhindern sollte, das unter der Überwältigung der gefühlten Ablehnung von der Vernichtung bedroht wurde.

Dieser Abwehrmechanismus wirkt bis heute, so lange er nicht durchschaut wird. Und das kann er nur, wenn ich dem Schmerz, den er in mir verursacht, wirklich begegne. Denn er ist der Hinweis, dass ich nicht mit der freien Lebensenergie, die ich bin, übereinstimme. Wenn es mir aber darum geht, zu werden, wer ich bin, dann geht der Weg mitten durch den Schmerz jenes Gefühls, das ich immer und immer wieder zu vermeiden suche.

Die Fehlsicht über Dich …

Radikal gesagt, ist jeder (psychologische) Schmerz, der Dich innere Enge, Verlustangst, Ungenügen, Kleinheit, Eifersucht, Selbstzweifel, Leere, Trägheit usw. fühlen lässt, ein direkter Hinweis auf eine Fehlsicht in Dir über Dich. Dich dieser Fehlsicht zu stellen, ist die einzige Möglichkeit in eine Sichtweise zu kommen, die Dich in die innere Stille führt. Es ist die Stille, die Dich sehen lässt, wie sich Dein Erleben zusammesetzt.

Die Stille ist die Reflektion reiner Liebe, in der alles auftauchen und sein darf. Diese Liebe ist wie der Himmel, in dem die Wolken in jeder Form erscheinen dürfen. Dadurch sieht der Himmel alles, weil er keine Wolkenformation ablehnt. Er selbst ist nichts, in dem alles auftaucht. Dadurch wird alles deutlich sichtbar. Allein dieses Sehen hat die Kraft zu verändern, was Du wahrnimmst – und damit, was Du erlebst.

In Verbundenheit, Nicole

 

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6 Kommentare

  1. Erika

    Sehr schöner und für mich als wahr erlebbarer Text. Danke dafür.

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    • IchSelbstSein

      Das freut mich, Erika!

      Antworten
  2. Grazia

    Liebe Nicole,

    Dein Text hat mich tief berührt, weil er den wunden Punkt trifft. Mein Schmerz ist mir so nah, dass ich ihn kaum ertragen kann und mit mir ins Hadern komme.

    Vielen Dank für deine weißen Worte.

    Alles Liebe
    Grazia

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    • IchSelbstSein

      Lass den Schmerz noch näher kommen, Grazia, so, dass Du nicht haderst, sondern ihn so mit Deiner Präsenz umschließt, dass er für immer bleiben dürfte. Dann ist kein Widerstand mehr da und damit auch kein Problem mit dem Schmerz…

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  3. Wolfram

    Liebe Nicole, in deinem Sinne steht sicher auch die wunderbare Definition von Schmez, die Kahlil Gibran gegeben hat:

    Schmerz ist das Zerbrechen der Schale, die das Verstehen umschließt.

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    • IchSelbstSein

      Danke Wolfram! Ja, das steht absolut in meinem Sinne! Eine wunderbare Aussage! Herzlich, Nicole

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