Ich – eine in sich geschlossene Welt

von | Jul 29, 2020 | ICH | 0 Kommentare

Ich öffne die Augen und atme zum ersten Mal. Und schon bald bin ich ein Problem. Weil ich schreie und weine und ganz direkt zeige, was ich will und was ich nicht will. Ich lache und freue mich und bin ganz nackt in meinem Sosein und zutiefst verletztlich. Ich bekomme so viel Raum, wie den anderen um mich herum möglich ist, zu geben. Ich brauche Aufmerksamkeit und Fürsorge, sonst kann ich nicht bestehen.

Ich lerne. Ich lerne mich zu verhalten. Ich lerne, was gut ist, was schlecht ist, was richtig ist und wünschenswert. Ich entdecke die Welt, wie sie mir erscheint. Ich entdecke mich als etwas in der Welt, die anders ist als ich. Ich fühle meinen Körper und seine Grenzen und ich sehe Dich. Du bist lieb zu mir, oder nicht. Das macht mir Angst.

Ich erkenne, was ich tun muss, damit Du mich siehst. Und ich kämpfe darum. Ich mache alles dafür, gesehen zu werden, damit ich mich wohl fühlen kann, und keine Angst mehr haben muss, denn ich brauche Dich. Ich habe Angst vor dem Tod. Vor dem Nichts.

Welt – bitte sieh mich an!

Wenn Du mich nicht siehst, bin ich zerstört, ein Niemand. Ich will dazu gehören. Sonst fühle ich Schmerz, Verzweiflung, Verlorenheit. Alleinsein. Ich will nicht alleinsein. Ich will glücklich sein. Ich bin jemand, dem es um etwas geht. Um Anerkennung und Leistung. Um Wohlstand und Sicherheit. Um Status und Macht.

Nur ein Jemand kann ein Niemand sein und sich davor fürchten.

Ich folge Plänen und Konzepten, wie diese Welt funktioniert, um es richtig zu machen und ein gutes Leben zu haben. Oder ich erfinde neue Pläne, wie es funktionieren kann.
Ich wehre mich gegen Kritik und verschaffe mir Vorteile durch andere. Ich glaube an gut und böse, an meine Meinungen und Ansichten.

Es ist nie genug

Ich glaube, dass von allem zu wenig da ist und muss mir deshalb so viel verschaffen, wie ich bekommen kann. Ich will alles für mich und die ich liebe und die anderen interessieren mich nicht. Ich habe einen Standpunkt, auch wenn ich ihn nicht immer sehen kann.

Ich bin immer in Gedanken, ohne es zu merken und reagiere auf meine Vorstellungen von Dir und mir und der Gesellschaft, wie sie ist. Ich habe Blockaden und Probleme. Ich suche Erlösung und Freiheit, Glück und Liebe. Weil ich das alles aus mir heraus nicht empfinden kann. Ich benutze alles für mich, was ich gebrauchen kann und werfe weg, was mir nicht mehr dient.

Ich gebe, um zu nehmen, ich versuche immer zu verstehen wie ich funktioniere, als wäre ich eine Maschine. Die anderen sind immer schuld daran, wie es mir geht und ich versuche sie davon zu überzeugen, dass ich recht habe. Oder ich ziehe mich unverstanden zurück und lecke meine Wunden.

Ich habe Angst

Ich habe so viel Angst und verstecke sie hinter Stärke und auch hinter Schwäche. Ich stoße die Liebe von mir und suche sie verzweifelt. Ich will Nähe und kann sie nicht ertragen.
Ich weiß nicht, wer ich bin. Ich bin verwirrt und sensibel und verstecke mich vor der Welt in mir.
Keiner darf mich sehen, weil ich schützen muss, wer ich bin, auch wenn ich nicht weiß wie.

Ich bekämpfe, was mir fremd ist, was ich nicht verstehe und mir falsch vorkommt. Ich trete ein für meine Meinung und verteidige meine Werte. Die Welt ist ein gefährlicher Ort, man muss immer auf der Hut sein vor Gefahren. Du kannst niemandem trauen und musst Dich schützen.

Und am Ende bleibst Du immer allein. ICH bin eine Kapsel, die allein im Universum fliegt. Manchmal treffe ich andere Kapseln, mit denen ich mich verbinden kann. Doch die richtige kann ich einfach nicht finden. Irgendwas stimmt immer nicht. Ich zeige mich niemandem so, wie ich bin, denn das ist gefährlich. Jemand kann mich verletzen und mir das Herz rausreißen, das lasse ich nicht zu.

Ich lenke mich von allem ab, was ich nicht fühlen will. Ich hasse und ich liebe. Ich bin unglücklich und will nur glücklichsein, bis ich sterben muss. Aber daran denke ich lieber nicht.

 

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